Gaby Terhuven









































Gaby Terhuven
Lessingstrasse 55
40227 Düsseldorf

eMail: terhuven@freenet.de
Tel: 0211 7213525

artdoku, Düsseldorf
www.artdoku.de
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www.galeriehoffmann.de

Gaby Terhuven verwendet als Bildträger Glasscheiben, die mit hellgrundiger Ölfarbe partiell hinter- oder übermalt werden. Jeweils zwei Glasscheiben werden mittels schmaler Trennstege zu einem doppelwandigen Bild – Gebilde zusammengefügt, das seitliche Einblicke in sein Inneres gewährt und damit als ein mehrschichtiges Raumgefüge in Erscheinung tritt. Der Farbauftrag erfolgt in glatten, gleichmäßigen Pinselbahnen, die sich unter Vermeidung sichtbarer Übergänge zu einheitlichen Flächen zusammenschließen. An Stellen, wo mehrere hauchdünne Farbschichten das Glas bedecken, ergibt sich ein matter Flächenraum, der ein kompositorisches Gegengewicht zu den von der Farbe unbedeckten, im Licht glänzenden und den Umraum ausschnitthaft reflektierenden Glasflächen bildet. Vorherrschend sind horizontale und vertikale Bildwerte, die das jeweilige Werk mit einer klar konturierten Architektur aus Linien und Flächen überziehen. Die bewusst anonym gehaltene, rhythmisch angelegte Struktur aus Flächen, Linien und Punkten weckt Erinnerungen an die signifikante Präsenz von mathematischen Strichcodes oder maschinell lesbaren Graphemen.

Ebenso assoziierbar ist die nähe zur seriellen Musik, wo sich in ähnlicher Weise aus nur leichten Variationen von festgelegten Elementen ein bestimmtes System von Unterbrechungen und Wiederholungen in Zeiteinheiten ergibt. Bewußt tritt die Künstlerin hinter ihr Werk zurück. Individualität äussert sich in bestimmten Setzungen und Entscheidungen, die den Einsatz von bildbestimmenden Strukturelementen und deren Einbindung in seriell geordnete Systeme betreffen. Sie offenbart sich zudem in der subtilen Verwendung rhythmischer Konstanten, im ausbalancierten Verhältnis von Transparenz und Dichte, von Fülle und Leere sowie in den abgestuften Helligkeitswerten. Die Werke Gaby Terhuvens üben sich in stiller Zurückhaltung. Aus ihrer formalen Reduktion erwächst eine eigene Poesie, die den Blick auf das Wesentliche hinter der Erscheinung lenkt. Zeit ist der wichtigste Faktor, den jeder Rezipient für sich zu investieren hat, um den eigenen Rhythmus der seriell angelegten Formvariationen in sich aufzunehmen und der Bewegung, die von dem aus geformten System ausgeht und den Bildträger wie eine Notation überzieht, zu folgen.

2011 Leane Schäfer
„Betrachter in Bewegung“
Text für die DVD und das Leporello „Gaby Terhuven en passant?“
Herausgeber: Kunstmuseum Gelsenkirchen


Material Jede Form der künstlerischen Arbeit hat ihre eigenen Ursprünge, Anlässe und entsprechende Ergebnisse. Diese allgemeine Feststellung trifft in besonderem Maße auf Gaby Terhuven zu, denn es ist der von ihr verwendete Werkstoff Glas, der bildbestimmend ihr Werk prägt und dem sie sich regelrecht verschrieben hat. Diesem Material mit seiner besonderen Beschaffenheit widmet sie sich seit langer Zeit und mit großer Hingabe, um ihm immer wieder neue Aussagemöglichkeiten abzugewinnen. Hierbei bedient sie sich der simplen Tatsache, dass nur Glas die von ihr gewünschte Materialeigenschaft besitzt, nämlich gleichzeitig Farbträger und dennoch durchsichtig zu sein. Das Ausnutzen dieses Umstandes hat sie zu ihrer künstlerischen Methode erhoben.

Das Malen auf Glas hat Einschränkungen und Bedingungen zur Folge, die von der freien Kunst oftmals nur ungern akzeptiert werden. Glasmalerei wird daher nur noch selten gepflegt, denn mehr als alle anderen Künstler muss sich der „Glasmaler“ - ob er nun will oder nicht - einer weit zurück reichenden Tradition stellen. Überdies ist er an mehrere technische Einschränkungen gebunden. Die Hauptmerkmale des Glases sind seine Eigenschaft, ein Körper zu sein und seine Fähigkeit, zugleich Licht durch sich hindurch zu lassen. Abt Suger von St. Denis (um 1081 - 1151) beispielsweise bezeichnete die Glasfenster in den Kirchen daher als durchlichtete Wände. Wird Glas bemalt und tritt dann Licht hindurch, so leuchten die Farben umso intensiver. Dies leistet kein anderer Malgrund. Welches Material konnte also besser geeignet sein, um in den eher dunklen Kirchen die biblischen Heilsbotschaften darzustellen? Dies trägt auch der Erkenntnis Rechnung, dass das durchlichtete Bild ganz wesentlich den Charakter und die Symbolik eines Raumes bestimmt. Die Lichttheorien des Mittelalters stellten color (Farbe) und splendor (Glanz) des Glases hinsichtlich ihrer nobilitas (Vorzüglichkeit) auf eine Stufe mit den Edelsteinen, die zusammen mit den Edelmetallen als das Wertvollste galten.

Trotz dieser Wertschätzung muss festgestellt werden, dass die Glasmalerei an Architektur gebunden war, nämlich in dienender Funktion als Fenster. In ihrer Geschichte blieb die Glasmalerei lange in ihrer doppelten Umklammerung von architektonischer Einbindung und vorgegebenen Themen stecken. Die Freiheit der Kunst ging an der Glasmalerei zunächst vorüber. Ungeachtet dieser Traditionen besitzt Glas spezifische Materialeigenschaften, die auch heute vielfältige künstlerische Gestaltungsmöglichkeiten bieten. Genau dies ist der Ansatzpunkt von Gaby Terhuven. Steht auch die Glasmalerei in uralten Traditionen, so hat sie vielfältig und fruchtbar mit diesen gebrochen und der Glasmalerei zu zeitgemäßen Positionen verholfen.

Die speziellen Eigenschaften des Glases unterscheiden die Glasmalerei von allen anderen Bereichen der Malerei. Neben der Transparenz ist die chemische Widerstandsfähigkeit eine weitere Besonderheit: Im Unterschied zu anderen Farbträgern wie Leinwänden, Holz, Papier oder Karton, saugt Glas bei der Bemalung die Farben nicht auf, sondern lässt sie als bunte Folie auf seiner Oberfläche stehen. Glas geht keine chemische Verbindung mit den Farben ein, sondern lässt sie in ihrer Reinheit bestehen und verleiht ihnen sogar besondere Luzidität. Nur ein Glasbild kann von vorn und von hinten betrachtet werden. Glas ist spröde und glatt zugleich. Wer sich dem Glas als Malgrund verschreibt, muss also viele Rücksichten nehmen, hat aber auch besondere Chancen.

Form

Gaby Terhuven arbeitet mit den traditionsreichen Materialfunktionen des Glases und eröffnet zugleich den Bildfunktionen von Glas neuartige Dimensionen. Ihre Malerei auf Glas ist gleichermaßen Spiegelung und Bild, Innen und Außen durchdringen sich gegenseitig. Die bereits erwähnte Eigenschaft des Glases, ein Körper zu sein und zugleich Licht durch sich hindurch zu lassen, steigert sie, indem sie zwei Glasscheiben hintereinander staffelt, damit sich die Einzelbilder zu einem Gesamtbild ergänzen. Jede Farbgebung hinterlässt Reflexionen und Projektionen auf der nächsten Scheibe, wo sie sich abbildet und weiterreicht. Diese wiederum wirkt mitsamt ihrer Bildinformation auf die nächste Glasscheibe ein. Durch dieses Wechselspiel tritt eine Ergänzung und Bereicherung ein, wobei die Reihenfolge der einzelnen Glasstelen nicht beliebig ist. Das Prinzip der sich ergänzenden Bildformulierung könnte eigentlich beliebig fortgesetzt werden, hat seine Grenzen jedoch in der Lichtdurchlässigkeit der einzelnen Scheiben. Neben der Überlagerung und Schichtung bildlicher Informationen ist je nach Licht und Standpunkt auch deren Verlust festzustellen bzw. deren Zurücktreten in den Hintergrund. Ergänzung und Bereicherung, Verdichtung und Tradierung sind weitere wichtige Aspekte ihrer - im wahrsten Sinne des Wortes - vielschichtigen Bilder.

Zu den technischen Zwängen ihrer Arbeit gehört, dass Formate und auch Farben zuvor festgelegt werden müssen. Maße und Proportionen, Serienhängung oder Fries müssen im Vorfeld abgestimmt und berechnet werden. Dies geschieht in sorgsam ausgeführten Arbeitsskizzen, die zwangsläufig der eigentlichen Arbeit vorgeschaltet sind. Manches Probestück mag herhalten, doch erst im Ergebnis der fertigen Arbeit zeigt sich, ob die gemachten Rechnungen aufgegangen sind. Dies erfordert Fingerspitzengefühl, Sensibilität und vor allem künstlerische Erfahrung. Ihre Werke können daher nie spontaner, sondern immer nur vorab kalkulierter Akt sein. Dies ist auch deswegen erforderlich, weil Glas ein strenger Werkstoff ist: geht die von ihr gewünschte Bildwirkung nicht auf, funktioniert die Arbeit nicht und kann dann eigentlich nur noch zerstört werden.

Im Unterschied zu vielen traditionellen Glasbildern sind die von Gaby Terhuven keine Illustrationen. Sie sind nicht narrativ; sie erzählen keine Geschichte, allenfalls die ihrer eigenen Entstehung. Sie bilden nichts ab, stellen aber etwas dar. Sie sind nicht suggestiv, um den Betrachter zu einem bestimmten Thema zu führen, sondern sie überlassen ihn wie Meditationsbilder seiner eigenen Befindlichkeit. Dies zwingt ihn, in sich zu gehen und sich zu prüfen.

Farbe

Hinsichtlich der verwendeten Farben ist Gaby Terhuven eine Minimalistin. Sie beginnt ihre Arbeit vorwiegend mit einem lichten Weiß, dem sie pro Arbeit nur zwei oder drei weitere Farbtöne hinzuordnet. Durch diese Reduzierung auf möglichst wenige Farben erreicht sie das beabsichtigte Gegenteil, nämlich ein regelrechtes Auffächern der Farbpalette und geradezu Aufstrahlen der jeweiligen Farben in den verschiedenen Tönungen und Nuancierungen. Der Betrachter erblickt im Ergebnis ein reiches und numerisch nicht fassbares Farbenspektrum. Je nach einfallendem Licht und Betrachterstandort ändert sich das Spektrum erneut. Folglich ist der von ihr gewählte Ausstellungstitel „en passant?“ gleichermaßen Programm und will auch wörtlich verstanden werden: im Vorübergehen. Er bezieht sich auf die Erkenntnis, dass ihre Bilder eine besondere Form der Wahrnehmung und der Rezeption erfordern und auch ermöglichen, wenn der Betrachter ihnen nicht nur frontal gegenübersteht, sondern auch an ihnen vorüber schreitet.

Gaby Terhuven verwendet überwiegend helle, klare und luzide Farben. Sie treten nie in ihrer Eindeutigkeit und Klarheit auf, sondern in verhaltenen und gebrochenen Werten, die den diffusen Charakter ihrer Bilder bestimmen. Hierdurch erreicht sie in ihren Bildern eine Betonung des Geistigen. Sie ist eine Malerin der leisen Töne und der zarten Akkorde, wenn man einmal eine Beschreibung aus der Musik auf die Kunst übertragen darf. Und bleiben wir bei diesem Bild, so bestehen ihre Akkorde nur aus wenigen Tönen, das heißt sie könnten mit nur einer Hand auf der Klaviatur angeschlagen werden.

Sie zelebriert geradezu die Sinneslust beim Betrachten ihrer Bilder und veranschaulicht die Flüchtigkeit unseres Sehens gleichermaßen. Vielleicht könnte man ihre Bilder als kleine Manifeste von Erinnerungen bezeichnen, denn es sind ja nicht sie, die sich ändern, sondern wir ändern uns, nämlich als Betrachter.

Licht

Licht ist in der Malerei eine reine Illusion, eine Sinnestäuschung, die künstlich durch die Farben erzeugt werden muss. Im Glas hingegen ist das Licht materialimmanent und dadurch beständig vorhanden. Hierdurch erhält es eine völlig andere Bedeutung und auch Qualität, die sich grundlegend von dem Beleuchtungslicht unterscheidet, das „normale“ Bilder benötigen, um wahrgenommen zu werden. Mehr als bei diesen führt beim Glasbild der natürliche oder künstliche Wechsel des Lichts zu einer beständigen Veränderung der Farbwirkung und damit verbunden der Wahrnehmung des Betrachters.

Licht bedeutete den Menschen von jeher sehr viel. Die Menschen früherer Zeiten verstanden Licht als eine geistige Qualität. Licht im Sinne von Erleuchtung bedeutete Erkenntnis. Heute ist Licht jederzeit per Knopfdruck verfügbar und daher in starkem Maße der Beliebigkeit ausgesetzt. Es ist zum Massenphänomen degradiert und muss oft rein merkantilen Zwecken dienen. Diese reduzieren Licht auf seine rein physikalischen Eigenschaften. Das „Leuchtendste“, das uns täglich begegnet, sind die Leuchtreklamen marktschreierischer Neonröhren. Sie erwecken den irrigen Eindruck, dass nur das Hellste auch das Wichtigste sei. Wo dies noch immer nicht ausreicht, muss Licht mit flackernden Stroboskopen und Strahlern in Bewegung gesetzt werden.

Die Wirkung der Glasbilder von Gaby Terhuven würde durch derartiges Licht zerstört. Sie hingegen benötigen das gleichmäßig flutende und strömende Licht. Es ist zudem ein Bildlicht, das extrem durch das Umgebungslicht beeinflusst wird. Je nach Platzierung im Raum, Sonnenstand, Jahreszeit und Tageszeit verändert sich das Wahrzunehmende auf nachhaltige Weise. Ihr Bildlicht ist genau das Gegenteil von dem Licht, das uns die Werbung im Alltag vorgaukelt. Denn es zeigt uns nicht Vermeintliches, sondern Wahres.

Rhythmus

Gaby Terhuven erarbeitet ihre Bilder mit ebenso großer Beharrlichkeit wie Innovationslust. Hierzu bedarf es eingehender Planungen, die in Skizzenbüchern festgehalten werden. Denn ihre Art der Bilderstellung erlaubt keinen spontanen Malakt, sondern erfordert exakte Entwürfe. Dies betrifft einerseits die Farben in ihrer Abgrenzung voneinander, insbesondere aber deren Rhythmisierung, wodurch die Bilder ihr eigentliches Leben entwickeln. Ruhe und Bewegung, Zeitlichkeit und Dauer: diese Gegensatzpaare sind wesentlicher Ausdruck ihrer Bilder.

Sie entwirft Strichcodes und Chiffren und überzieht damit sequenzartig die einzelnen Glasscheiben. Dies verleiht den Arbeiten ihren besonderen Klang und ihre Atmosphäre. Die Anordnung ihrer Codes scheint bisweilen verschlüsselt zu sein, orientiert sich aber vielfach an exakt ausgearbeiteten Ordnungssystemen. Die Bilder basieren quasi auf einer wundersamen Balance zwischen Kalkül und Erfahrung auf der einen Seite - wenn sie ihre Bilder plant - und Überraschung und Erstaunen auf der anderen - wenn die Arbeiten fertig sind.

Ihre Codierungen sind scheinbar in ständiger Veränderung begriffen und bewirken ein flutendes Changieren der Farbtöne. Daher bedürfen ihre Arbeiten keinerlei gegenständlicher Anbindung, denn genau von diesem Phänomen würde dann nur abgelenkt werden. Verhalten und zurückhaltend wie ihre Arbeiten nun mal sind, entwickeln sie doch eine erstaunliche Lebendigkeit. Als zart getaktet könnte man den Rhythmus ihrer Bilder beschreiben.

Symbiose

Nach all’ meinen Überlegungen möchte ich noch einmal zum Thema „Form“ zurückkommen. Denn die Bildaussagen von Gaby Terhuven vermitteln sich zwar über Farben und deren Rhythmisierung, aber die Basis ihrer Arbeit ist die zuvor festgelegte Form. Ihr sind Farben und Rhythmus untergeordnet. Aber nicht in der Hierarchie der Komponenten liegt die Bereicherung für uns als Betrachter, sondern in deren geglückter Symbiose. Über diese grundlegende Bereicherung des Menschen durch die Kunst, die über das Veranschaulichen von bereits Bekanntem hinausgeht, sagte der Maler Fritz Winter (1905 - 1976) „... es ist nicht entscheidend, ob einer malen kann, sondern ob er einer Idee Gottes Form geben kann, dass sie dem anderen eine Erkenntnis und somit ein Leuchten auf der Bahn seines Lebens sein kann.“ Mit diesen drei Begriffen - Form, Erkenntnis, Leuchten - sind die Bilder Gaby Terhuvens ebenso einfach wie treffend beschrieben.

En passant? Malerei auf Glas

2010 Martin Gesing
„En passant? Malerei auf Glas.“
Katalog „Gaby Terhuven en passant?“
Herausgeber: Stadtmuseum Siegburg, Stadtmuseum Beckum, Kunstmuseum Gelsenkirchen


Gaby Terhuven präsentiert in der ehemaligen Reichsabtei Aachen-Kornelimünster ihre sensiblen, unaufdringlichen Glasarbeiten, die Themen wie transparente Lichtdurchlässigkeit, diffuse Raumerlebnisse, fast musikalisch zu nennende Rhythmik und die Vorstellung vom Fluss der Zeit in suggerierten Bewegungsabläufen vielfältig variieren. Die Künstlerin schafft zwischen Malerei und dreidimensionaler Objekthaftigkeit angesiedelte, das Licht modulierende Gebilde, die aus mehreren Schichten hintereinander gestellter gleich großer Glasscheiben bestehen. Die einzelnen Scheiben werden partienweise auf der Vorder- und Rückseite mit Ölfarbe in Weißtönen oder sehr zurückgenommener, pastelltoniger Farbigkeit bemalt. Die gleich bleibenden Abstände der Scheiben, die in einer gemeinsamen Halterung auf Abstand vor die Wand montiert werden, lassen das Licht sozusagen von vorne und hinten, aber auch von oben eindringen, was eine diffuse, die tatsächlichen Raumverhältnisse im Unklaren lassende tiefenräumliche Wirkung hervorruft, deren Effekte sich mit dem Wechsel des Lichteinfalls und des Betrachterstandpunktes ständig verändern.

In aller Regel fügt Gaby Terhuven mehrere gleichförmige bemalte „Glaspakete“ zu friesartigen horizontalen oder senkrecht übereinander angeordneten, blockartigen Arrangements zusammen. Die Bemalung solcher mehr- bzw. vielteiliger Werke betreibt sie nach einem festen, vorher konzipierten Plan. Die flächigen, in horizontalen, senkrechten oder auch diagonalen Streifen angeordneten farbigen Setzungen, die im einzelnen bis hin zu präzise formulierten Strichen minimiert werden, folgen einem seriellen, die Flächen aller einzelnen Segmente berücksichtigenden strukturierenden Gestaltungsprinzip. So entstehen aufeinander bezogene Bildsequenzen, deren Rhythmisierung an das An- und Abschwellen von Tönen erinnert, zumal sich die Abläufe nicht nur sozusagen von rechts nach links auf der Fläche abspielen, sondern auch ein Vor und Zurück in die Tiefe des Raums veranschaulichen. Insbesondere die diagonalen Verschiebungen – hier erweisen sich bei näherer Betrachtung einzelne Strichlagen auch als gekrümmt – suggerieren dem Betrachter taktmäßige Bewegungsabläufe, die das Moment der Zeit einbeziehen in einer Art und Weise, wie es ebenfalls im Wesen der seriellen Musik liegt. Die lichte, luftige Materialität der Glasarbeiten Gaby Terhuvens birgt insgesamt zusammen mit der rhythmischen, planmäßigen Malerei eine große Nähe zum immateriellen Wesen der Musik. Im Kontrast zur digitalisierten technischen Welt der Strichcodes, Kardiogramme und optischen Anzeigen, die sicher als Anregung gelten können, schafft Gaby Terhuven mit ihren sensiblen, offenen Werken für den Betrachter einen sinnlichen Freiraum von eigenständiger nobler künstlerischer Qualität.

Transparenz, Bewegung und Rhythmus

2007 Maria Engels
„Transparenz, Bewegung und Rhythmus“
Leporello „Gaby Terhuven vis à vis Malerei auf Glas“
Herausgeber: Kunst aus NRW, ehemalige Reichsabtei, Aachen-Kornelimünster


Die Glasarbeiten der Künstlerin Gaby Terhuven beweisen sich als dreidimensionale Farbraumgemälde, die in ihrer gleichzeitig immateriellen wie materiellen Präsenz den Raum verändern und die Malerei, mit der sie gestaltet sind, in eine skulpturale Dimension erweitern. Die Künstlerin arbeitet seit vielen Jahren mit dem Material des Glases, das sie in mehreren Ebenen hinter- und nebeneinander setzt und das sie mit farblichen Gestaltungen sowohl auf der Oberfläche als auch auf der Rückseite der Glasflächen bearbeitet, so dass die Malerei in verschiedenen Ebenen von Dichte und Entfernung wirksam wird. Die Künstlerin geht dabei von geraden und klassischen Formsetzungen aus. Striche und Flächen in der Horizontalen, Vertikalen und in leichten Abweichungen davon strukturieren die voreinander gesetzten Glasplatten zunächst in methodisch klare, nahezu ornamental-serielle Strukturen, die aber jeweils unterschiedlich in Reihung aneinander stoßen, so dass sowohl der Eindruck der Gleichartigkeit wie der Veränderung thematisch wird. Die Abweichungen, mit denen Gaby Terhuven ganz bewusst in ihren Bildobjekten arbeitet, erhöhen die erste Wirkung von Gesetzmäßigkeit und Regelmäßigkeit noch und bestimmen die Arbeiten nachhaltig.

Die Künstlerin ist in der Gestaltung ihrer Werke zunächst von einem Höchstmaß an Minimalismus geprägt. Sie verwendet daher vorwiegend die Farbe Weiß, der sie pro Arbeit höchstens ein bis zwei geringe zusätzliche Farbakzente zuordnet, die die Reduzierung der Farbpalette nur unterstreichen anstatt sie zu zerstören. In gleichmäßigen Strukturen schafft sie so zunächst Ordnungsgefüge auf den Glasflächen, die sich malerisch durch die Dichte der Farbigkeiten unterscheiden. Weiße Lasuren, auf die Oberfläche des Bildes gebracht, variieren zwischen transparent und deckend, ein Weiß, das sich auf der Rückseite des Glases befindet, ist bereits durch die Schicht von Glas, durch die man auf die Fläche blickt, abgemildert und in ihrer Materialität reduziert. Stärkeres gilt für die zweite Platte hinter der ersten Aufsichtsplatte, die dann in weiteren Schritten Farbräume offen legt, deren genaue Präzisierung dem Betrachter verborgen bleibt. So entsteht eine Vielzahl von räumlichen Werten in der einzelnen Arbeit, die jedoch selbst nur wenige Zentimeter dick von der Wand absteht.

Diese malerischen Glasobjekte variiert Gaby Terhuven auch durch deren Anzahl. Sie wiederholt sie, setzt sie zu Serien von mehrfach gegliederten Bildobjekten zusammen, wobei die einzelnen Platten immer wieder graduell leicht voneinander abweichen, in ihrem Prinzip jedoch die Gleichförmigkeit und darin wiederum die Individualität unterstreichen.

In den jüngsten Arbeiten ergänzt Gaby Terhuven die Dominanz der waagerechten und senkrechten Strukturelemente durch eine Ebene der Diagonale, die sie wie einen Schatten im Hintergrund laufen lässt. Durch dieses Element werden die Arbeiten gleichsam hinterfangen und je nach Betrachterstandpunkt in eine noch stärkere dynamische Wirkung gebracht. Der Betrachterstandpunkt ist in den Arbeiten von Gaby Terhuven ein ganz wichtiger Bestandteil. Durch die hintereinander geschichteten Glasplatten und deren verschiedene Transparenzen und Räume, die sich zwischen den einzelnen Abständen ergeben, verändern sich die Arbeiten mit jedem Schritt der Betrachtung. Die Verwandlung, die sich je nach Blickwinkel auf die Arbeit ergibt, wird zum Bestandteil der Wahrnehmung und lässt die Arbeiten in einen ständigen Fluss von Raum und Farbigkeiten eintreten. Die Bildobjekte, in denen Gaby Terhuven mit diagonal hinterfangenden Streifenelementen arbeitet, haben darüber hinaus eine Wirkung, die sie wieder unmittelbar mit dem Materialstoff des Glases in Beziehung setzen lässt. Wie ein Streiflicht von der Seite, ein imaginärer Lichteinfall durch ein Glas, wirken jene diagonal gesetzten Lichter, die sich aber nicht auf, sondern in den Arbeiten befinden, sie gleichsam von hinten tragen. Diese merkwürdige Ambivalenz zwischen einer transparenten Erscheinung, die man normalerweise auf der Oberfläche der Dinge vermuten würde, in eine lichthafte Erscheinung, die aus dem Bild selbst heraus wirkt, verstärkt den farbräumlichen Charakter der Arbeiten und vermittelt als neues Element eine Plastizität in den Werken, die fast illusionistischen Charakter gewinnt. Dieses neuere Element in den Bildobjekten von Gaby Terhuven entwickelt in jenen Arbeiten, in denen die diagonalen Setzungen sogar einen leichten Grad der Krümmung zeigen, fast den Charakter bewegungsdynamischer Impulse, die in die Arbeiten mit einbezogen sind. Dieses neue „Stakkato-Element“ betont die rhythmische und bisweilen fast musikalisch- kompositionelle Auffassung der Werke von Gaby Terhuven, die in ihrer Aneinanderreihung von scheinbar gleichen Variationen des selben Themas immer wieder im Grade ihrer Veränderung jenen Aspekt von modularer Komposition, wie sie auch in Werken zeitgenössischer Musik zu finden ist, aufgreift und „durchspielt“.

Sequenzen

2006 Gabriele Uelsberg
Katalog „Gaby Terhuven Sequenzen“
Herausgeber: Galerie Gudrun Spielvogel, München



Die Arbeiten Gaby Terhuvens sind nichts für Liebhaber lauter Töne. Der Rhythmus ihrer Kunst schwingt leise, setzt ein – kaum hörbar in den Grenzbereichen der Wahrnehmung. Folgt man ihm, so öffnen sich Räume aus Luft, Licht und Bewegung, Räume, die schwingen im Takt der Zeit, die Leere atmen, Materie auflösen, Licht einfangen. Es sind immaterielle, konstruierte, nicht fassbare Gehäuse, die pulsieren, vibrieren, schwingen und verschwinden, sobald ihnen die Aufmerksamkeit entzogen wird.

Die starren und zerbrechlichen Glasbilder haben Leinwand, Farbe, Gegenstand, alles Bunte und Satte der Malerei hinter sich gelassen. Sie wirken klar, unspektakulär, auf den ersten Blick wenig aufregend. Wie können sie dennoch aus ihren Tiefenschichten eine solch vibrierende Wirkung erzeugen?

Zwei Glasscheiben sind hintereinander gesetzt, in geringem Abstand zueinander wie auch zur Wand, so dass „diese als fünfte Seite miteinbezogen wird“, erläutert die Düsseldorfer Künstlerin. Sie setzt Ölfarbe in schmalen Streifen, in zarten Linien vertikal und horizontal über und hinter die Scheiben, rastert das Format, bewegt die Fläche, variiert den Rhythmus der Überlagerungen.

Die farbige Wirkung ist verhalten. Die matten Grün – Weiß -, die gebrochenen Grau – Gelb – Töne werden durchzogen von einer Linie in trübem Orange, das in der faden Umgebung schon intensiv wirkt. Lebendig werden die Farben, sobald Licht in die milchige Transparenz des Glases fällt; wenn der Betrachter vor den Scheiben sich bewegt; die durch das Material bedingte Struktur erfasst; die durch den Lichteinfall betonten Tiefen abtastet; die gleichmäßige Rasterung der Streifen zu Bildern synthetisiert. Die gläsernen Hüllen reagieren auf ihre Umgebung wie Bilder, die fotografieren, indem sie Licht umschließen, Bewegungssequenzen entwickeln, Zeittakte abbilden und dabei den Wechsel der Tageszeiten in immer neuen Facetten spiegeln.

Inhaltlich erinnern sie an Leuchtschriften, Strichcodes, kardiografische Ströme, an musikalische Taktierungen, den Fluss von Bildern in Bewegung. Und in manchen Aspekten ist ihre Arbeit dem Werk Mondrians verwandt, einfach und konkret, grenzenlos offen, subjektiv.

Gaby Terhuven bei Lausberg  |  Zart im Takt

2004 Christiane Dressler „Zart im Takt“
Artikel zur Ausstellung „Intervalle“
Galerie Bernd A. Lausberg
Rheinische Post, Düsseldorf



Zeit, überhaupt um Zeit gehe es in ihren Arbeiten, sagt Gaby Terhuven: das Vergehen von Zeit, welche sukzessive wahrgenommen, erfahren wird. Rhythmus, ein wiederholtes Einsetzen und Innehalten sind Momente, die hier vorkommen und thematisiert werden. Dabei entwickeln sich ihre Arbeiten linear–meist horizontal von links nach rechts- und gleichzeitig spielen sie sich, tatsächlich mehrere Ebenen umfassend, in die Tiefe hin ab. Andererseits spiegelt sich der Außenraum auf und in den Oberflächen.

Gemeinhin werden Gaby Terhuvens Werke der konkreten Kunst zugeordnet; sie rekurrieren auf einem horizontalen-vertikalen Raster mit vorher festgelegten Prinzipien. Sie sind gegenstandsfrei und bestehen aus gleichen Modulen, die mit regelmäßigem Abstand neben oder/und übereinander hängen. Sie agieren mit Wiederholungen und einer seriellen Struktur bei minimalen Verschiebungen... Zwei Glasscheiben sitzen mit etwas Abstand zueinander und zur Wand bündig übereinander.In Streifen oder Linien ist Ölfarbe sorgfältig auf und hinter die Glasscheiben gestrichen, so daß matte und spiegelnde Flächen entstehen. Die Maßnahmen bleiben sich innerhalb der Arbeit gleich, die Linien haben den gleichen Farbton und die gleiche Länge. Sie tauchen auf den verschiedenen Ebenen auf und scheinen in dem grüntonigen, von milchiger Transparenz gebrochenen Vakuum zu schwimmen, überhaupt selbst in Bewegung. Jedoch handelt es sich hier um bildhafte Darstellungen, generell um Malerei.

Gaby Terhuven wurde 1960 in Oberhausen geboren, an der Fachhochschule in Köln hat sie Malerei studiert. Schon in ihren Gemälden auf Leinwand oder Papier arbeitet sie mit gegenstandsfreien Formulierungen. In lockerem Duktus sind Linien und Bahnen gezogen, überlagern und gliedern teils als Rapport analoger Abläufe kleinere Felder. Flächen werden geschichtet, wobei rahmenartige Strukturen das Bild organisieren. So sind Farbabläufe um die Ausschnitte aus Röntgenaufnahmen gesetzt. Innen-Außen, Einblick und Durchblick, Teilung in Sequenzen also schon hier, 1993/94, wenngleich sich das Geschehen - oft in pastellener Tonigkeit – noch auf der Fläche abspielt...

Natürlich sind das alles Bilder von heute, zeitgenössisch in ihrem Vokabular und den Assoziationen, die sie auslösen. Die Arbeiten mit dem Träger Glas, wie sie Mitte der neunziger Jahre entstehen, lassen an digitale Bilder, binäre Systeme denken, vielleicht kardiographische Ströme, in ihrer Anmutung ebenso an Leuchtschriften, gewiß an Strichcodes. Gaby Terhuven selbst weist auf Neue Musik, deren Serialität und Stille, die Rolle von Pausen und das An- und Abschwellen von Tönen. Das Blattwerk vor dem Atelierfenster spiegelt sich in den Arbeiten. Natürlich, an Architekturen kommen einem in den Sinn, die Rasterstrukturen in Glasfassaden- je mehr man sich auf diese Arbeiten einläßt, desto komplexer wird das Geschehen und bleibt doch auf sich konzentriert.

Denkbar wäre eine Arbeit aus vielen Modulen, die eine Wandseite komplett einnehmen, oder eine Arbeit, die als Fries über alle Wände eines Raumes läuft. „Die Gliederung der Bildfläche und das Ineinandergreifen von Innen und Außen im realen Bildraum finden ihre Entsprechung in der gleichzeitig ablaufenden Bewegung“, hat Gaby Terhuven vor einiger Zeit geschrieben. „Es entsteht ein Zusammenspiel von Raum und Bewegung im Bild“: Der Betrachter wird Teil der Arbeit, zwischen meditativem Innehalten und einem aktiven Analysieren.

Stillstand, Bewegung

2003 Thomas Hirsch
„Stillstand, Bewegung“
Künstlerportrait in choices, Köln



Durchaus sind die Arbeiten von Gaby Terhuven dem Bereich der Konkreten Kunst zuzuordnen: im Gegenstandsfreien ihrer Darstellung, in der strengen Ordnung überwiegend aus Vertikalen und Horizontalen, in der rasterartigen Struktur, welche mathematischen Regeln zu folgen scheint. Stimmt nicht, sagt Gaby Terhuven. Vielmehr sind ihre Arbeiten, ausgehend von einigen prinzipiellen Entscheidungen, intuitiv entwickelt. Es sind Kunstwerke zwischen Malerei und Objekt, die bildhaft bleiben und sich auf mehreren räumlichen Ebenen abspielen. Gaby Terhuven, die 1960 geboren wurde, in Köln an der Fachhochschule Malerei studiert hat und mittlerweile in Düsseldorf lebt, realisiert ihre Arbeiten seit Mitte der Neunzigerjahre mit Glasscheiben als Träger. Zwei Scheiben sind übereinander gesetzt, mit geringem Abstand zueinander wie auch zur Wand, sodass diese „als fünfte Seite miteinbezogen wird“, wie Gaby Terhuven schreibt. Sie setzt Ölfarbe als Streifen bzw. Linien auf und hinter die Scheiben, wobei das Repertoire und die Farbigkeit reduziert bleiben, die Setzungen in ihrer Abfolge und zwischen den verschiedenen Ebenen gering variieren. Mehrere Modelle hängen mit wenig Abstand nebeneinander; die Verschiebungen finden über diese oft queroblongen Formate hinweg sukzessive statt. Seltenen entstehen hochformatige Arbeiten, im Übereinander analoger Elemente, oder einteilige Arbeiten. Diese Bilder untersuchen, analysieren formale Aspekte. Der Betrachter ist schon einbezogen, indem er sich in den teils glänzenden, teils matten Scheiben abschnittsweise spiegelt. Und es werden spezifisch zeitgenössische Assoziationen aufgerufen. An digitale Codes und kardiographische Ströme könnte man denken – an eine Welt, die selbst hochästhetisch ist und ihre Informationen über zeichenhafte Sprachen austauscht.

In aller Präzision bleiben diese Arbeiten Malerei, sinnlich und individuell. Sie lassen die Annäherung an ihre Oberfläche zu; der Pinselstrich ist zu sehen, seitlich oder von oben kann man in die Glasscheiben schauen. Überhaupt ist der Betrachter mit seiner Aktivität wesentlich für diese Arbeiten. Mit dem Innehalten und dem Voranschreiten wechselt der Eindruck zwischen Meditation, konzentrierten Verharren und lebendigem Rhythmus. Als Horizontale, Vertikale, auch Schrägen scheinen die Streifen wie Leuchtschriften zu fließen. Ein Prozess ist beschrieben, in dem Zeit mehr und mehr zum zentralen Thema wird. Vor Gaby Terhuvens Bildern vergewissert sich der Betrachter seiner selbst, hinterfragt schließlich vielleicht seinen Standpunkt in der medialisierten Industriegesellschaft: Zeit versteht sich hier als Erleben der eigenen Existenz.

Raster und Sepuenzen

2003 Thomas Hirsch
„Raster und Sepuenzen“
Düsseldorfer Hefte, Oktober 2003, Nr. 10/2003